Monat: Juni 2019

Ecotrail Oslo 50KM – 25.05.2019 Teil 3

Bei KM40 ging es langsam raus aus dem Dickicht und rein in Richtung Oslo. Oslo! Das bedeutet Stadt, das bedeutet richtige Wege. Ebene Wege! Straßen!!

Es fiel mir schwer wieder in die Laufbewegung zu kommen. Alles fühlte sich träge und steif an. Aber das war hauptsächlich eine Kopfsache, das wusste ich. Ich war auf den ganzen Kilometern bisher kein bisschen außer Atem gekommen, da ich nicht dauerhaft laufen konnte und schon gar nicht schnell. Also habe ich versucht meinen gewohnten Trott wieder aufzunehmen: langsamer Dauerlauf auf der Geraden und bergab, bergauf schnelles Gehen.

Ich kam an der letzten Wasserstation vorbei. Noch ein letztes Mal das Gesicht unter Wasser halten und das letzte Gel herunter würgen. Auf geht’s, Endspurt, verdammt!

Nur noch 8km. Eine kleine Trainingsrunde.

42,2km. Marathon. Normalerweise wäre hier nun Schluss. Normalerweise klettere ich aber auch nicht an Ketten hoch und balanciere über Holzstege… zusammenreißen jetzt! 8km sind nichts. Und Trail ist jetzt auch vorbei. Gleich kommt deine Stärke: Straße und Asphalt!

Ich lief stur weiter und bemerkte wie ich eine Dreier-Gruppe an 80km Läuferinnen langsam einholte. Eine der drei Personen blieb plötzlich stehen und ging zügig an den Wegesrand, um sich dort ihres Mageninhaltes komplett zu entleeren. Sie lächelte mir kurz zu, entschuldigte sich und lief unbeeindruckt weiter. Naja, so kurz vor dem Ziel aufgeben ist ja auch keine Option. Da ich sie danach nicht mehr eingeholt habe, gehe ich davon aus, dass sie sicher im Ziel angekommen ist.

Endlich Straße, nicht mal mehr Schotterwege. Super! Ich fing an wieder etwas an Schwung zu gewinnen und konnte meine Pace sogar noch etwas steigern. Ja, da waren Schmerzen, aber das hätte alles schlimmer sein können. Ich überholte ein paar 50km Läufer und redete ihnen gut zu. Was ich schaffen kann, schaffen die doch schon längst! 3km vor Schluss habe ich meinen Fistbump-Norweger wieder getroffen. Er schleppte sich mühevoll mit ganz kleinen Schritten voran. Ich fragte ihn, ob er mit mir weiterlaufen möchte, er lehnte aber dankend ab. Er wünschte mir viel Glück und ich ließ ihn hinter mir.

Bester Typ!

Ich kam immer weiter Richtung Ziel. Ich traf noch ein bekanntes Gesicht, er humpelte langsam vor sich hin. Ich erkundigte mich, ob bei ihm noch alles ok sei. Er meinte er hätte die letzten 10km mit Krämpfen zu kämpfen, aber ansonsten wäre alles in Ordnung. Auch ihn überholte ich langsam und bewegte mich weiter Richtung Ziel.

Die letzten 2km. Innenstadt. Einheimische und Touristen betrachteten uns teilweise sehr verwundert. Warum humpelten hier immer wieder dreckige, halb desorientierte Menschen an ihnen vorbei? Ich hatte mittlerweile keine Lust mehr. Ich war wirklich sehr müde. 

Der letzte Kilometer. Wo zum Teufel war eigentlich dieses Ziel? Musste man das nicht langsam mal sehen?? Ich sah meinen Mann am Straßenrand stehen. Er versicherte mir, dass das Ziel hinter der nächsten Ecke sei. Wehe, das stimmt nicht!

Und da war es plötzlich. Tatsächlich, das Ziel. Meine Fresse, endlich! Schon fast keiner mehr hier… naja, mir egal. Ich will endlich aufhören zu laufen. Ich lief die letzten Meter, überquerte die Ziellinie und drückte die Stop-Taste auf meiner Uhr. Vorbei. Geschafft.

Strecke

Der Veranstaltungssprecher hieß mich im Ziel willkommen. Barbara aus Österreich, Platz 15 in ihrer Altersklasse, in 7h 19min. Ich war also fast 7,5h unterwegs. Wahnsinn. Nicht wirklich die Zeit die ich avisiert hatte, aber das war nicht wichtig. Ich war angekommen und ich war noch ganz. Und eigentlich kam mir das Ganze gar nicht soo lange vor.

Vorher / Nachher Bild

Ich ließ mir meine Medaille überreichen, setzte mich auf eine Parkbank am Hafen und trank den letzten Schluck aus meinem Trinkrucksack. Das war er also, mein erster Ultramarathon. 

Medaille

Ecotrail Oslo 50KM – 25.05.2019 Teil 2

Oben angekommen folgte ich weiter den orangen Pfeilen auf dem Boden und den gelb-roten Bändern in den Bäumen und Sträuchern, die die Strecke markierten. Andere Läufer wurden langsam sehr rar und ich sah nur noch ab und zu ein paar Mitstreiter in meiner unmittelbaren Nähe. Jeder hielt seine eigene Pace und ließ sich von niemandem aus der Ruhe bringen. 

Nach 22km führte die Strecke von Wald- und Schotterwegen plötzlich direkt ins Dickicht. Wären die Bänder nicht gewesen, wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass es sich hierbei um einen „Weg“ handeln könnte.

Die letzten 2 Tage hatte es in Oslo sehr viel und kontinuierlich geregnet. Dementsprechend sah die Strecke hier auch aus, kein trockenes Plätzchen weit und breit. Steine und Wurzeln waren nass, meistens umgeben von knöchelhohem Schlamm dessen Tiefe man nie wirklich abschätzen konnte. Über größeren Matschgebieten lagen einzelne Bretter, damit man nicht bis zu den Knien versank. Über diese bereits völlig mit Matsch verschmierten Hilfsmittel zu balancieren war nicht gerade einfach.

Erschwerte Bedingungen durch den ausgiebigen Regen der Vortage.

Darüber zu laufen war für mich nicht wirklich möglich. Ich schlug mich durch das Unterholz und kümmerte mich nach dem dritten Tritt in ein Schlammloch dann auch nicht mehr wirklich um Pfützen und darum trockene Schuhe zu behalten. Erste Priorität war einfach nicht auszurutschen, keinen Ast ins Gesicht zu bekommen und nicht vom Weg abzukommen. Nichtsdestotrotz war ich einfach sprachlos von der Schönheit der Natur. Ich liebe Wald!

Ein paar Kilometer später kam ich an einen kleinen Bach über den eine Brücke führte. Nennen wir es mal Brücke. Ich stand davor und dachte mir… Ja, genau! Am Arsch die Henne…

leap of faith

Ich zuckte kurz mit den Schultern und lief mit 3 großen Schritten darüber. Die Brücke wackelte und bog sich unter meinem Gewicht. Ok, schlimmer kanns ja nicht mehr werden… ich folgte weiter den Markierungen. 

Ich kämpfte mich von hier an mehrere Kilometer durch tiefen Matsch und Wurzelwerk.  Der Weg fühlte sich unendlich lang an. Irgendwann kam ich auf ein Plateau von dem aus ich einen See sehen konnte. Wunderschön. Ich blieb kurz stehen um ein Foto zu machen und bemerkte wie mir plötzlich sehr schwindlig wurde. Ich hatte ein Dröhnen auf den Ohren, aber eigentlich fühlte ich mich noch okay. Ich blickte auf meine Uhr. 25km, Halbzeit.

Eine weitere Steigung geschafft.

Ich sollte mehr trinken und bald etwas essen, aber nicht jetzt. Trotz Schwindel lief ich weiter. Ich hatte das Gefühl, dass das Stehenbleiben es nur schlimmer machte. Also ging es den Hügel nach unten zum See. Dort badeten ein paar Leute, bei 17 Grad. Für Norweger wohl schon Hochsommer. Kurz hatte ich die Hoffnung, dass die Strecke nun wieder etwas leichter werden würde. Aber nein, wurde sie nicht. 

Kurze Verschnaufpause

Weiter ging es durch den tiefsten Wald. Das sollte ernsthaft ein „Weg“ sein? Ich holte ein, zwei Läufer ein und sah, dass sich diese an einer Eisenkette einen Felsen hinaufzogen. Ach komm, ernsthaft?? Na gut. Dann legen wir kurz vor KM30 halt noch eine Kletterpassage ein, von nix kommt nix. Zum Glück habe ich einen recht durchtrainierten Oberkörper und tatsächlich haben sich die Beine gefreut mal kurzzeitig nicht so viel zu tun zu haben. 

Bei KM30 die zweite Versorgungsstation. Hier gab es Kuchen. Wie gern hätte ich Kuchen gegessen, aber ich konnte beim besten Willen nichts Festes zu mir nehmen. Deshalb wurden nur kurz Hände und Gesicht unter Wasser gehalten und wieder ab auf die Strecke. 

Das Ziel rückt langsam näher.

Ich weiss gar nicht wie ich die nächsten 10km beschreiben soll. Ich kann mich nicht erinnern viel gelaufen zu sein. Wurzeln, Steine, Matsch, Äste im Gesicht. Einmal kurz verlaufen und danach einen viel zu steilen Abhang nach unten geklettert und mehr gerutscht als mir lieb war. So schmale Wege, dass man mit dem linken Fuß fast gegen die steile Böschung gestoßen ist und rechts einen sehr, sehr tiefen Abgrund neben sich hatte. Jetzt um Gottes Willen nicht stolpern! Auf keinen Fall hinfallen, egal wie müde Deine Beine gerade sein mögen. Heb Deine verfluchten Knie!!

Die Kilometer gingen dahin und ich hatte mittlerweile komplett das Zeitgefühl verloren. Ich hatte auf meiner Uhr absichtlich nur die Distanz, die aktuelle Pace und den Puls angezeigt. Desweiteren wusste ich, dass die Uhr in dichtem Wald ohnehin nur sehr ungenau misst. Aber Zeit war mir eh schon lange egal. 

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